Inspiration > Technik

31 Dez 2017

Es ist eine Crux und ein Luxusproblem außerdem. Das kommt einem wohl als erstes in den Sinn, hört man mich hin und her überlegen, ob das mit der immer fortschreitenden Technik, den allmächtigen Sequencern und der allumfassenden Schnittsoftware nun ein Fluch oder ein Segen ist. Und gerade in der Ausbildungsbranche, gerade an der SAE stellt es sich als besonders schmaler Grad dar, die Frage überhaupt aufzuwerfen: Ist es sinnvoll, aus zu vielen Möglichkeiten wählen zu können? Ist das beste Tool immer auch das beste Lerntool? Oder verbaut man sich zahllose Ideen und kreative Ansätze mit den “Luxuslösungen”, die uns der aktuelle Stand der Technik und deren Fortschreiten bieten?

Die Begeisterung, die eine neue Kamera, ein gerade erschienenes Softwareupdate oder gar eine neue Großkonsole für das eigene Studio auslösen, ist mir weiß Gott bewusst. Und kaum unterschätzen darf man sicherlich die Energie, die so eine Neuigkeit lostritt – was habe ich nicht selbst an Hardware/Software-Vergleichen gestartet, als ein neues Gerät in mein Studio einzog, und sicherlich nie vergessen werde ich die Tage und Wochen um 2004, während derer ich mir in der neuesten Version der Sequencing-Software Logic „das perfekte Environment“, also die perfekte virtuelle Musikproduktionsumgebung zusammenstellen wollte! Rückblickend war wohl genau das die Zeit, während der es mir selbst irgendwann dämmerte: Moment mal… wollte ich nicht eigentlich auch mal Musik machen?

Übertragen auf den eigenen Fachbereich können viele Studierende und AbsolventInnen unseres Institutes sicher nachvollziehen, was ich meine und wie es mir erging.

Etwa zur selben Zeit erschien das heiß ersehnte neue Boards of Canada - Album „The Campfire Headphase“, und mit ihm eines der raren Interviews mit den beiden Interpreten: Natürlich verschlang ich es, und natürlich erwischte mich die Kernaussage der beiden eiskalt: „Je besser die Technik, desto geringer die Kreativität“. Boards of Canada erzählten von ihrem tollen neuen Studio voll unendlicher Möglichkeiten – und davon, wie sie es wenige Wochen nach Inbetriebnahme wieder einstampften und zu ihrem 8TK-Sequencer und ein paar wenigen Lieblings-Synthesizern zurück kehrten. Sie hatten voller Schrecken festgestellt, dass sie einfach keine Musik mehr produzierten, sondern sich in all den zahllosen Spuren, PlugIns und Samples verloren. Sie schwärmten davon, wie sie es liebten, einfach ein Mikro vor die Boxen zu stellen (!), Record zu drücken und auf diese Weise ein paar Spuren auf eine einzige zu reduzieren.

Diese Methode ist natürlich ein extremer Auswuchs der Grundidee, dass Limitation inspiriert; aber wer wird widersprechen, wenn man Boards of Canadas Produktionen einen der charakteristischsten, einzigartigsten, wärmsten und individuellsten Stile zuschreibt, und das über Jahrzehnte hinweg. Also das, was jede und jeder in der Kreativbranche sucht und zum höchsten Ziel erklärt, sei es als InstrumentalistIn, als DesignerIn, als 3D Artist oder ProduzentIn. Und die Erkenntnis, dass hierfür eben NICHT Unsummen investiert werden müssen, eben keine Agentur, kein Regieraum monumentalen Ausmaßes geschaffen werden sollte, treibt mich noch heute an und ist der Kerngedanke und die Basis all dessen, was ich unseren Studierenden am SAE Institute vermitteln will.

Natürlich: Man muss entdecken können, was es bedeutet, sich um die Grenzen der Technik praktisch keine Sorgen mehr machen zu müssen. Klar, dass man erst mal immer weiter und mehr will, dass etwa unseren Filmstudierenden die Kameras gar nicht komplex und die Sensoren nicht präzise genug sein können. All das auszuprobieren gehört zum Konzept unserer Medienschule - in allen Fachbereichen, die wir anbieten.

Wirklich ALLES richtig machen wir aber dann, wenn unsere AbsolventInnen gelassen und mit dem besten Wissen, dass gigantische Investitionen und Ausklapposter-Studios erst mal zweitrangig sind, ihre ersten Jobs und Produktionen oder ihren eigenen Studioausbau angehen. Nichts ist mehr wert, als alles rauszuholen aus dem was man hat und sich nicht beirren zu lassen durch Personen, die meinen mit Geld Kreativität oder Inspiration kaufen zu können. Ob im Studium an der SAE, ob im Studio, der Agentur oder sonstwo im Leben: Die edle Technik und alle Gadgets sollten immer nur eines sein: das i-Tüpfelchen über einer Basis aus Wissen, Austausch, Leidenschaft und Kreativität.

In diesem Sinne und im Namen des gesamten Teams, ein inspiriertes Jahr 2018,

herzlichst,

Christian Ruff
Director SAE Austria GmbH
Campus Manager SAE Vienna